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04.04.2010 Die Lebensadern Ägyptens
Geschrieben von Urs Guggisberg   
im ältesten Reich wo sich heute die Touristen drängen

Seit Jahrtausenden ist Ägypten vom Nil abhängig. Mit der alljährlichen Flut im Sommer wurden die Ufergegenden überschwemmt, der Schlamm setzte sich auf den Feldern ab. Bereits zur Zeit der Pharaonen wurde ein System entwickelt, welches den Wasserstand mass. Je höher die Flut, desto höher wurden auch die Steuern für die Bauern angesetzt. Mehr Wasser bedeutete, dass grössere Gebiete bewässert und somit eine grössere Ernte eingefahren werden konnte. Seit 1971 der Staudamm nördlich von Assuan steht, wird das Nilwasser ständig genutzt. Die natürliche traditionelle saisonale Bewässerung ist durch Dauerbewässerung ersetzt. Seither können anstatt nur einer Ernte bis zu drei Ernten pro Jahr eingefahren werden. Doch da nun der nährstoffreiche Überschwemmungsschlamm ausbleibt, wird massiv mit Kunstdünger nachgeholfen. Wegen der Intensivierung der Landwirtschaft, neuen Projekten um die Wüste zu begrünen und zu nutzen und rasantem Bevölkerungswachstum stieg der Wasserbedarf Ägyptens so stark an, dass mittlerweile nur noch ein schmaler Wasserstrom das Mittelmeer erreicht. Kairo ist in den letzten Jahrzehnten so stark gewachsen, dass die Pyramiden die früher in der Wüste standen, demnächst in einer Häuserflut unterzugehen drohen.
Die neue, zweite Lebensader Ägyptens ist seit ein paar Jahrzehnten der Tourismus. Im Sudan haben wir in einem ganzen Monat nicht so viele Touristen gesehen, wie in Ägypten in einer einzigen Minute, zumindest in einem der Touristenorte! Auf der Strecke von Luxor nach Hurghada kamen uns während Stunden ununterbrochen Dutzende von Bussen entgegen und überholten uns am Abend auf dem Rückweg noch einmal. Im zweifellos sehr faszinierenden Ägyptischen Museum standen wir vor den Tutenchamun-Relikten im Touristenstau, bevor wir ein paar Blicke auf die goldene Totenmaske werfen konnten um gleich wieder weiter gedrängt zu werden. Trotzdem lohnte sich der tägige Ausflug in das komplett vollgestopfte Museum sehr. Kunstvoll verzierte Särge die bei uns eine Attraktion wären, sind dort zu Dutzenden auf Regalen gestapelt.
Doch leider wissen sich viele Touristen nicht wirklich zu benehmen. Sie begrapschen in den Gräbern im Tal der Könige die antiken Wandmalereien und in der Khorfu-Pyramide fanden wir sogar eine meditierende Touristin in einem Sarkophag vor! Die Ägypter selber sind rund um die Sehenswürdigkeiten genau sowenig auszuhalten. Von allen Seiten wurden wir bedrängt alles Mögliche zu kaufen, bei fast jedem Handel wurde versucht uns irgendwie übers Ohr zu hauen. Die Szene um die Pyramiden gleicht mittlerweile eher einem Jahrmarkt!
Als wir mit zwei Deutschen auf einer Felucca, einem kleinen Segelschiff während drei Tagen von Assuan aus den Nil runter segelten, genossen wir die Ruhe auf dem Wasser und hatten richtig Zeit uns in die spannende Ägyptische Geschichte einzulesen. Zwei Mal am Tag, wenn einer hinter dem anderen, Dutzende Nildampfer an uns vorbeimotorten, wurden wir etwas gestört. Immerhin konnten wir eine neue Variante des Radreisens entdecken: auf einem Hometrainer auf dem obersten Deck des Luxusschiffes strampelnd, kommt man unabhängig von der eigenen Leistung, trotzdem beträchtlich vorwärts!
Unser Felucca-Kapitän war ein Schlitzohr und setzte uns einige Kilometer früher an Land als abgemacht. Wir radelten durch den schmalen, intensiv kultivierten grünen Streifen am Westufer des Nils. Als wir am Abend unser Zelt aufstellen wollten, wurden wir wieder mal mit nach Hause geschleppt und genossen nur ein paar hundert Meter abseits vom Touristenstrom Ägyptische Gastfreundschaft!

 
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